Der schulische Sozialraum unter der Lupe

Workshop zur Habitussensibilität in schulischen Kontexten

Lehrkräfte erleben täglich, dass Schüler:innen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Lernbedingungen in die Schule kommen. Viele dieser Unterschiede lassen sich nicht allein durch individuelle Faktoren erklären, sondern stehen in engem Zusammenhang mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen der Familien, dem Bildungsstand der Eltern, sprachlichen Ressourcen sowie den Wohn- und Lebensbedingungen im jeweiligen Stadtteil oder Wohnumfeld.

Diese sozialräumlichen Bedingungen prägen entscheidend, wie Schüler:innen lernen, welche Unterstützung sie erhalten, was sie mitbringen – und auch, welche Erwartungen Schule an sie stellt. Der Workshop unterstützt Lehrkräfte darin, diese Bedingungen differenzierter zu verstehen, eigene Routinen und Wahrnehmungen zu reflektieren und Handlungsspielräume für Unterricht und schulische Kommunikation zu erweitern. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung einer habitus- und diversitätssensiblen Haltung.

Stimmen aus der Praxis

„Ich glaube, dass durch die Fakten, die ihr uns geliefert habt, (…) unser Blick auf unsere Schule – auf unseren Standort in diesem Stadtteil, aber auch auf unsere eigene Arbeit – noch einmal geschärft wurde. Das empfinde ich persönlich als sehr gewinnbringend.“

Lehrkraft

„Wenn man an einer Schule in sozial benachteiligter Lage arbeitet, ist es wichtig,
auch hinter die Fassaden zu schauen. Dazu ist es hilfreich, Fakten zu haben, die transparent machen, wie die Lage im Stadtteil wirklich ist.“

Sonderpädagogin

„Ich fand es auch gut, diese umfassenden Daten zu bekommen, die noch einmal kleinräumiger waren als die sonst zugänglichen Sozialdaten unseres Sozialraums. Der Blick war dadurch deutlich differenzierter.“

Netzwerkkoordinator*in im Bildungsbereich

„Man muss immer im Blick haben, wo kommen die Kinder her, welchen Bedingungen sind die Kinder ausgesetzt, die man hier unterrichtet, um sie unterrichten zu können.“

Schulleitung

Das Wichtigste auf einen Blick

Ziele

  • Lernbedingungen verstehen & reflektieren
  • Professionelle Haltung im Umgang mit Vielfalt stärken
  • Daten nutzen & gemeinsam Schulentwicklung gestalten

Zielgruppen

  • Lehrkräfte (Jahrgangsübergreifend)
  • Weiteres Pädagogisches Personal

Dauer

  • Vorgespräch: ~60 Min.
  • Workshop: 3 Std. oder 6 Std.
  • Follow-up: ~90 Min. (nach ~6 Mon.)

Kernidee

  • Datenbasierte Perspektivwechsel im Sozialraum

Ziele & Zielgruppe

Ziele

  • Sensibilisierung für sozialraumbedingte Lernvoraussetzungen
  • Förderung einer habitus- und diversitätssensiblen professionellen Haltung im Schulalltag
  • Reflexion eigener Sichtweisen, Vorannahmen und professioneller Handlungsmuster
  • Nutzung kleinräumiger Sozialraumdaten zur Analyse schulischer Ausgangslagen und sozialräumlicher Herausforderungen
  • Vertieftes Verständnis für die Lebensrealitäten und Lernausgangslagen von Schüler:innen
  • Entwicklung konkreter Impulse für Unterrichts- und Schulentwicklung
  • Stärkung des kollektiven professionellen Lernens

Zielgruppe

 

  • Lehrkräfte aller Schulformen (Schwerpunkt im Projekt:Primarstufe)

  • weiteres pädagogisches Personal

 

  • einsetzbar unabhängig von Jahrgangsstufen

Theoretischer Hintergrund – verständlich und praxisnah vermittelt

Das Workshopkonzept basiert auf bildungssoziologischen und schulentwicklungsbezogenen Perspektiven, die nicht nur als theoretische Grundlage dienen, sondern gezielt an den schulischen Alltag von Lehrkräften und Schüler*innen anknüpfen.

Im Zentrum steht das Zusammenspiel von

  • Theorien sozialer Ungleichheit,
  • bildungsbezogenen Herkunftseffekten (primär, sekundär, tertiär, quartär),
  • strukturellen Bedingungen eines selektiven Schulsystems sowie
  • Konzepten von Schule als „Sozialraum im Sozialraum“.
Theorie auf einem Laptop zum Exkurs im schulischen Sozialraum

Diese Perspektiven werden im Workshop in ihrer konkreten Relevanz für die pädagogische Praxis reflektiert. Der Workshop eröffnet einen Raum, um Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse im schulischen Alltag vor dem Hintergrund habitueller und institutioneller Rahmenbedingungen kritisch zu hinterfragen und die eigene professionelle Praxis weiterzuentwickeln.

Ergänzt werden die theoretischen Ansätze durch empirische Befunde zu Leistungsunterschieden und Übergangsentscheidungen.

Zudem wird aufgezeigt, wie Chancengerechtigkeit im Bildungssystem praktisch gefördert und unterstützt werden kann.

Methodisch-didaktische Umsetzung

Der Workshop verbindet Theorie, Daten und Reflexion in einem systematischen Ablauf. Im Mittelpunkt stehen dabei theoretische und empirische Perspektiven auf Differenz, Ungleichheit und Segregation, Impulse zur Reflexion und zum Austausch im Kollegium über den schulischen Sozialraum sowie praxisnahe Fallarbeit mit kleinräumigen Sozialstrukturdaten. Die Verbindung wissenschaftlicher Zugänge mit schul- und unterrichtspraktischen Erfahrungen ist dabei ebenso zentral wie die standortspezifische Aktionsplanung.

Der Workshop wurde im Rahmen der Initiative „Schule macht stark“ (SchuMaS) entwickelt und im Projekt DigiSchuKuMPK (Digitalisierungsbezogene und digital gestützte Schul(kultur)entwicklung durch multiprofessionelle Kooperation an ganztägigen Grundschulen) fachlich weiterentwickelt. In beiden Programmen wurde das Konzept in verschiedenen schulischen Kontexten erprobt und kontinuierlich optimiert.

Kartenansicht aus der ALSO-App

Arbeit mit der ALSO-App

Die im Projekt SchuMaS entwickelte ALSO-App stellt ein zentrales Werkzeug im Workshop dar.
Sie ermöglicht:

  • die Darstellung kleinräumiger, georeferenzierter Daten (PLZ-8-Ebene),
  • die Visualisierung sozialer Disparitäten im Umfeld der Schule,
  • die Analyse zentraler Indikatoren wie Arbeitslosenquote, Kaufkraft, Bildungsstand, Anteil nicht-deutschsprachiger Namen und des Multiplen Benachteiligungsindex (MBI).

Durch diese Visualisierungen entsteht ein objektivierter Blick auf das Schulumfeld – jenseits individueller Annahmen oder Routinen.

Kartenarbeit in Kleingruppen

Mit großformatigem Kartenmaterial analysieren Lehrkräfte:

  • das Einzugsgebiet der Schule,
  • die anonymisierten Wohnorte der Schüler:innen,
  • Treffpunkte und Bewegungsräume der Kinder,
  • die Wohnorte des pädagogischen Personals.

Diese Gegenüberstellungen ermöglichen eine differenzierte Reflexion über mögliche Distanz- und Näheerfahrungen, Milieubrechungen und Erwartungsdifferenzen.

Bearbeitete Landkarten

Digitale Abfragen

Zu Beginn und am Ende des Workshops werden kurze digitale Befragungen durchgeführt, etwa zur Einschätzung:

  • des eigenen Wissens über den Sozialraum,
  • der Bedeutung dieses Wissens für den Schulalltag,
  • der durch den Workshop veränderten Wahrnehmung.

Gemeinsame Reflexion und Transfer

Im Anschluss werden die Erkenntnisse gemeinsam ausgewertet und auf den Schulalltag bezogen. Themen sind u. a.:

  • Bedeutung von Sozialraumdaten für Unterricht und Elternkommunikation
  • Herausforderungen und Ressourcen im Umfeld der Schule
  • Konsequenzen für Differenzierung, Förderplanung und Klassenführung
  • Ansätze für schulische Entwicklungsprozesse

Dokumentation

Im Nachgang der Veranstaltung erhält die Schule einen Zugang zur ALSO-App sowie eine strukturierte Sicherung der Workshopergebnisse. Dazu gehören die erarbeiteten Karten, zentrale Reflexionspunkte des Kollegiums und – sofern gewünscht – erste Impulse für die Weiterarbeit in Unterricht und Schulentwicklung

Ablauf

Ablauf des Workshops
Personen sitzen vor Bildschirm zu schulischem Nahraum

Der Workshop ist mehrstufig angelegt und umfasst ein digitales oder telefonisches Vorgespräch (ca. 60 Minuten), einen Präsenzworkshop (ca. 3 oder 6 Zeitstunden/ siehe Ablauf)) sowie ein digitales Follow-up (ca. 90 Minuten) nach etwa sechs Monaten.

Als Termin eignen sich insbesondere pädagogische Tage; die Planung erfolgt in individueller Abstimmung mit der Schule.

Mögliche Ergänzungen im Rahmen des ganztägigen Formats

Voraussetzungen

Geeignete Räume für Plenumsgespräche, Präsentationen und Gruppenarbeit

Präsentationstechnik (Beamer)

ggf. Internetzugang

Was Schulen mitnehmen

Der Workshop eröffnet neue Perspektiven auf Schule im sozialen Kontext und unterstützt Teams dabei, daraus konkrete Ansatzpunkte für die eigene Praxis zu entwickeln.

Impulse für Schule und Unterricht:

  • Ein vertieftes Verständnis der Schule als Sozialraum im Sozialraum
  • Erkenntnisse zu Einflussfaktoren auf Bildungschancen
  • Impulse zur Reflexion bestehender Strukturen und Routinen
  • Ansatzpunkte für datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung

Ansprechpartner

Dr. Matthias Forell

Dr. Matthias Forell

Konzeption und Entwicklung des Workshops (DigiSchuKuMPK/SchuMaS), Co-Leitung und Koordination

Philipp Matthes

Philipp Matthes

Wissenschaftlicher Mitarbeiter (DigiSchuKuMPK)

Jakob Schuchardt

Jakob Schuchardt

Wissenschaftlicher Mitarbeiter (SchuMaS)